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„Die automatisierte Mobilität führt zu einer nachhaltigeren Mobilität!“ – Was steckt dahinter?

Zunächst ist es wichtig, den Begriff der Nachhaltigkeit genauer zu erläutern. Grundlegend wird zwischen drei Formen der Nachhaltigkeit unterschieden:

  1. Soziale Nachhaltigkeit
    Das oberste Ziel ist hierbei die Sicherstellung des gesellschaftlichen Zusammenhalts für jetzige und zukünftige Generationen. Konkret beinhaltet dies persönliche Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sowie gesellschaftliche Teilhabe. [1] Bezogen auf Mobilität spielt soziale Nachhaltigkeit „… eine zentrale Rolle für das soziale Miteinander in modernen Gesellschaften. Eine Transformation des Mobilitätssystems hätte demnach tiefgreifenden Einfluss auf unseren gesellschaftlichen Alltag.“ [2]
  2. Ökonomische Nachhaltigkeit
    Ziel ist die Erhaltung / Errichtung eines Wirtschaftssystem, das nicht vollständig auf Gewinne ausgerichtet ist, sondern hauptsächlich jetzigen und zukünftigen Generationen eine hohe Lebensqualität ermöglicht. [3]
  3. Ökologische Nachhaltigkeit
    Das Verständnis vieler Menschen in Bezug auf Nachhaltigkeit und nachhaltiges Handeln ist meist ökologisch geprägt. Ressourcenschonung zur Erhaltung des Planeten und somit für das Leben nachfolgender Generationen hat hierbei oberste Priorität.

Derzeit werden Milliardensummen in die Entwicklung automatisierter Fahrzeuge und die Mobilität von morgen investiert. Dabei werden automatisiert fahrende Fahrzeuge oftmals medienwirksam als ein Allheilmittel gegen Stress, Staus und Umweltverschmutzungen dargestellt:

Szenario einer „schönen neuen Mobiltätswelt“
Batterieelektisch angetriebene, automatisierte Robotaxen und Shuttlebusse fahren lokal klimaneutral. Durch verbesserte lntermodalität, also der verbesserten Kombination von Mobilitätsdienstleistungen wie Ridesharing und neuen, fahrerlosen Tür-zu-Tür-Lösungen, kann die Automatisierung zu einer zusätzlichen Verbesserung der Effizienz des gesamten Verkehrssystems beitragen. [5]

„Die Vernetzung von automatisierten Fahrzeugen untereinander sowie zwischen Fahrzeugen und der Infrastruktur führt außerdem – unabhängig davon, ob es sich um einen öffentlich genutzten Bus oder einen Privat-Pkw handelt – zu einer Angleichung der Geschwindigkeiten aller Verkehrsteilnehmer und zu einer effizienteren und emissionssparenden Fahrweise.“ [4] Dabei steigen der Verkehrsfluss und die durchschnittliche Fahrtgeschwindigkeit, da ineffizientes Beschleunigen und Abbremsen im innerstädtischen Stop-and-Go-Verkehr vermieden wird. [4]

Bei dieser Betrachtung sollte jedoch bedacht werden, dass automatisierte Fahrzeuge künftig zumindest für einen gewissen Zeitraum im Mischverkehr, sowohl mit anderen automatisierten wie auch nicht-automatisierten Fahrzeugen, konfrontiert sein werden. Zudem können immer auch noch andere Verkehrsteilnehmer bzw. Personen in direkter Umgebung ein solches Fahrzeug ausbremsen, da sie in erster Linie darauf ausgelegt sind Unfälle zu vermeiden. Ein Ausbremsen durch einen anderen Autofahrer ist also genauso denkbar wie durch einen Fußgänger, der in der Gewissheit, dass ein autonomes Fahrzeug eine Gefahrenbremsung vollzieht, bewusst die Straße überquert. Solange dies der Fall sein wird, können keine größeren Effizienzsprünge durch die in dem obigen Szenario beschriebenen Effekte erwartet werden.

Folglich steigt die ökologische Nachhaltigkeit auch nicht zwangsläufig proportional mit der Anzahl an automatisierten Fahrzeugen. In dem aufgezeigten Szenario wird der menschliche Fahrer bzw. der Faktor Mensch nämlich als Einschränkung mehr oder weniger außer Acht gelassen. Erst in einer sehr langfristig angedachten Perspektive, in der möglicherweise nur noch autonome Fahrzeuge verkehren, sind derartige Effekte denkbar. Allerdings gibt es selbst dann auch noch weitere Einschränkungen, die es aus ökologischen Gesichtspunkten zu beachten gilt. So geht die Heinrich-Boell-Stiftung bspw. von vier möglichen, nicht-intendierten, negativen Folgeeffekten aus [6]:

  1. Sinkende Mobilitätskosten und attraktiver Nah- und Fernverkehr können neue Fahrten z. B. zu Freizeitzwecken begünstigen. Damit würden die gefahrenen Kilometer und das Verkehrsaufkommen wieder steigen.
  2. Automatisierte Fahrangebote können durch höheren Komfort und Service, gegenüber dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen, vorgezogen werden. Auch damit steigen die gefahrenen Kilometer und das Verkehrsaufkommen.
  3. Die heute „verlorene“ Zeit im Auto lässt sich effizienter nutzen, also z. B. zum Schlafen oder zum Arbeiten. Dadurch werden bspw. auch stadtferne Wohnorte wieder attraktiver, in denen die Wohnkosten meist geringer sind. Längerfristig kann es folglich zu einer Erhöhung der Wegstrecke zwischen Aktivitätsorten kommen. Damit sind die Entfernungen zwischen Arbeits-, Wohn- und Freizeitorten gemeint.
  4. Automatisiert fahrende Fahrzeuge können auch als Privat- oder Firmenfahrzeuge gekauft werden. Sie sind nicht Teil neuer Sharing-Mobilitätslösungen und können stärker dem Zweck dienen, rollende Arbeits- und Schlafräume zu bieten, die etwa von Außendienstmitarbeiter*innen genutzt werden, womit Hotelkosten und -raum eingespart werden sollen. Auch eine Entwicklung hin zu „Schlafwagenflotten“ ist denkbar.

Alle Folgeeffekte gehen entsprechend, durch eine höhere Anzahl an Fahrzeugen und gefahrenen Kilometern, mit negativen Umwelteffekten einher. Der Einfluss dieser Entwicklungen muss dabei ebenfalls im Hinblick auf die ökologische Nachhaltigkeit immer auch mitberücksichtigt werden.

Fazit

Zusammenfassend kann automatisierte Mobilität langfristig gesehen vermutlich einen positiven Beitrag zu einer nachhaltigeren Lebensweise in unserer Gesellschaft leisten. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass es, speziell aus ökologischer Sicht, zeitweise zu einer Verstärkung von nicht-intendierten Mobilitätsmustern kommt und bestehende Probleme gar noch verstärkt werden. Daher ist eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Frage nach der Nachhaltigkeit automatisierter Mobilität von großer Bedeutung, um langfristig das Ziel einer (auf allen Ebenen) nachhaltigen Mobilität zu erreichen. Grundsätzlich kann man jedoch festhalten, dass:

„Nur wenn neue automatisierte Mobilitätsdienstleistungen im Einklang mit öffentlichen und nicht-motorisierten Verkehrsträgern eingesetzt werden, lässt sich auch gewährleisten, dass sie positive Klima- und Umweltwirkungen entfalten.“ [4]

Agora Verkehrswende. Die Automatisierung des Automobils und ihre Folgen. (2020)

Literatur

[1]: Spangenberg, Joachim H. (2003): Soziale Nachhaltigkeit. Eine integrierte Perspektive für Deutschland. In: UTOPIE kreativ (Juli / August 2003) H. 153/154. S. 649-661.

[2]: Fleischer, Torsten/Schippl, Jens (2018): Automatisiertes Fahren. Fluch oder Segen für nachhaltige Mobilität? In: Automatisiertes Fahren. TATup Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in der Theorie und Praxis. 27/2. S.11-15.

[3]: Stoll, Michael: 3-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit. Online im Internet: https://www.michael-stoll.info/glossar-3-saeulen-modell/ [02.01.21].

[4]: DLR/Institut für Verkehrsforschung (2020): Agora Verkehrswende. Die Automatisierung des Automobils und ihre Folgen. Chancen und Risiken selbstfahrender Fahrzeuge für nachhaltige Moblität. Berlin.

[5]: Köllner, Christiane (2019): Begrenztes Klimaschutz-Potenzial durch automatisiertes Fahren [Blog]. Abgerufen am 19. Dezember 2020, von https://www.springerprofessional.de/automatisiertes-fahren/nachhaltigkeit/begrenztes-klimaschutz-potenzial-durch-automatisiertes-fahren/16578216.

[6]: Bratzler, Stefan/Thömmes, Jürgen (2018): Alternative Antriebe, Autonomes Fahren, Mobilitätsdienstleistungen. Neue Infrastrukturen für die Verkehrswende im Automobilsektor. Heinrich-Böll-Stiftung Wirtschaft und Soziales. Band 22.

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